Thursday, April 05, 2007

Hallo Alle

es gibt mich noch! Nach extrem viel Reisen am Anfang dieses Jahres - Oxford im Januar, Sudan Januar bis März, USA im März, Cuxhaven Ende März Anfang April - bin ich mal wieder einen Abend im heimatlichen Marburg.

Hatte neulich die Ehre, im ZDF zu erscheinen in der Dokumentation von Elmar Theveßen über "Religiösen Fundamentalismus", in dem er islamische Fundamentalisten evangelikalen Christen gegenüberstellte. Sein Bemühen zur Differenzierung war zu erkennen, er betonte mehrmals, dass Christen Gewalt ablehnen, während Islamisten diese legitimieren und verherrlichen. Dennoch war m.E. allein die Zusammenstellung in einer Sendung suggestiv, das heißt, es wird ein Zusammenhang oder eine Gleichheit bzw. Ähnlichkeit suggeriert, die dann wieder relativiert wird.

Na ja, ich kam noch gut weg, da ich eher als "besonnener Gesprächspartner" eingeführt wurde, und nur darauf hinwies, dass es eine neue religiöse Offenheit in unserem Land gibt, also eher als "kompetenter Gesprächspartner" (Aussage E. Theveßen), ähnlich wie Bischof Wolfgang Huber.

Auf jeden Fall inspiriert mich dieser Film heute dazu, in meinem Blog Auszüge eines Artikels von mir zum Thema zu veröffentlich, der ein Kapitel in dem Buch "Der E-Faktor . Evangelikale und die Kirche der Zukunft (Hrsg. von Ulrich Eggers und MarkusSpieker) darstellt. Deshalb kann und will ich auch nicht den gesamten Artikel abdrucken sondern nur ein paar Zitate als "Teaser".

Bevor ich das jetzt gleich tue, einen Gruß an Euch, die Ihr das tatsächlich lest. Nachdem ich mein Blog so selten bediene, meine ich fast, dass niemand mehr dieses Blog aufruft.

Aber - die Meldung aus der Versenkung: Mir geht es gut!

Liebe Grüße
roland

Der E-Faktor


Roland Werner


Zielgerichtet Evangelisch

Den evangelikalen Konsens für die Weite des Reiches Gottes fruchtbar machen


I.

Was bedeutet für mich „evangelikal“? Und warum bin ich mit Überzeugung Teil der Bewegung, die sich diesen Namen gefallen lässt?

Evangelikale Spurensuche

Es geht nicht leicht über die Zunge, das Wort „evangelikal“. Man merkt ihm an, dass es ein Fremdwort ist, oder genauer gesagt, ein Lehnwort, das Produkt einer Übersetzung des englischen Wortes „evangelical“. Als solches sollte es auf deutsch eigentlich als „evangeliumsgemäß“ wiedergegeben werden, oder einfach als „evangelisch“. Denn schließlich gilt diese Entsprechung auch bei anderen Begriffen, so heißt die „Evangelisch-Lutherische Kirche“ auf englisch einfach „Evangelical Lutheran Church“. Die internationale „Evangelical Alliance“ heißt auf deutsch stimmig „Evangelische Allianz“. So wäre statt „evangelikal“ eigentlich „evangelisch“ die angemessene Übersetzung des englischen Begriffes.
Und doch haben sich Verantwortliche innerhalb der sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert stärker formierenden „evangelikalen“ Bewegung dazu entschieden, dieses Lehnwort als Kennzeichen ihrer Gemeinsamkeit zu prägen. Möglicherweise war ihnen der Begriff „evangelisch“ nicht klar genug, denn auch dieser hatte eine Bedeutungsveränderung erfahren. Die ursprüngliche Bedeutung, nämlich „dem Evangelium entsprechend“ ist häufig nicht mehr die erste gedankliche Assoziation bei diesem Wort. Für viele Zeitgenossen heißt „evangelisch“ eher „nicht-katholisch“ oder auch „nicht so dogmatisch“ oder auch „aufgeklärt, liberal und dennoch kirchlich“. Diese zugegebenermaßen etwas impressionistische Analyse lässt zumindest eines erkennen: Begrifflichkeiten sind nicht immer leicht und eindeutig, sind aber wichtig und wirkmächtig, können prägen, können verbinden, aber auch Trennlinien aufzeigen und auseinander führen.


„Evangelikale“ Dynamik

Entstanden ist die evangelikale Bewegung, wie vieles andere Gute auch, in England, und zwar innerhalb der anglikanischen Staatskirche. Dort gab es in der Folge der das ganze Vereinigte Königreich umfassenden methodistischen Erweckung auch eine innere Erneuerung der „Church of England“. Die, die zurück zu den Wurzeln des Evangeliums wollten und eine Betonung auf den Glauben und die innere Erweckung des Einzelnen legten, wurden „evangelicals“ genannt, im Gegensatz zu den einige Jahrzehnte später aufkommenden Rekatholisierungstendenzen der „High Church“. Dabei war „evangelical“ primär vom Wortsinn verstanden und meinte ein direkt am Neuen Testament orientiertes Christentum, das sich nicht nur in der persönlichen Nachfolge Christi auswirkte, sondern auch konkrete und praktische Konsequenzen nach sich zog, und zwar in zwei Hinsichten:
Die eine war die Hinwendung zum Nächsten, gerade zum sozial Benachteiligten, dem aktive Hilfe zukommen sollte, mit dem einhergehenden Kampf um gesellschaftliche Veränderung und gerechtere Verhältnisse, um die Würde, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen zu gewährleisten. So nimmt es nicht wunder, dass die Jahrzehnte währende, aber am Ende erfolgreiche Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Reich von führenden „Evangelicals“ wie Wilberforce und Lord Shaftesbury initiert und durchgehalten wurde.
Die zweite Zielrichtung dieser Bewegung war das Bestreben, dem biblischen Missionsauftrag Folge zu leisten, „alle Völker zu Jüngern zu machen“ (Mt 28, 18-20). Dieser Impuls wurde sowohl innerhalb Großbritanniens als auch im weltweiten Horizont umgesetzt und führte im Lauf der Zeit zum Entstehen der „jungen Kirchen“ vor allem in Afrika und Asien. Die „evangelikalen“ Christen innerhalb und außerhalb der anglikanischen Kirche, zusammen mit sinnesverwandten Christen in anderen Ländern, z,B. den weltoffenen Pietisten Süd- und Westdeutschlands, den Missionsbemühungen der Freikirchen und nicht zuletzt dem „American Board“ der Presbyterianer, prägten so das Gesicht des evangelischen Zweigs der Weltkirche.
Die Dynamik der „Evangelicals“ war an der Entstehung vieler internationaler Zusammenschlüsse maßgeblich beteiligt. Nicht zuletzt der internationales Bund der YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) wurde aus diesem Impuls 1855 in Paris gegründet, die Weltweite Evangelische Allianz 1846 in London, beides Vorläufer und Paten des erst 1948 gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der sich in einer direkten Linie der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 sieht, die auch wiederum von evangelikalen Missionaren, Pastoren und Theologen unter der Leitung von John R. Mott einberufen und gestaltet wurden.
Die „ältere“ evangelikale Bewegung, die ich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ansetzen würde, hatte somit eine ungeheure Auswirkung auf die Gestalt der evangelischen Christenheit bis auf den heutigen Tag....
....Geschichtlich war es zunächst der Gegensatz zu den katholisierenden Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche. Hier waren es die „Evangelicals“, die um den Erhalt der reformatorischen Lehre in der Kirche Englands kämpften.
Eine zweite Front war die Frage nach der Stellung der sogenannten Laien, also der Christen ohne besondere Ordination. Auch hier setzten sie sich für die refomatorische Wiederentdeckung des „Priestertums aller Gläubigen“ und der daraus folgenden Beauftragung zum Zeugnis und Dienst aller Christen ein. Gemeinsam mit den Christen der Freikirchen, die schon seit den „Dissenters“ im Vereinigten Köngreich eine viel stärkere Rolle spielten als im konfessionell zerklüfteten und kleinstaatlich organisierten Deutschland, nahmen die „Evangelicals“ der Kirche von England für sich in Anspruch, das einfache, klare, zentrale Christentum zu suchen und zu verkörpern.
Sie bildeten somit ein Ferment gegen obrigkeitliche Machtansprüche kirchlicher Hierarchien und drängten auf eine Demokratisierung der Kirche, die das urchristliche Ideal von einmütiger Geschwisterlichkeit gegenüber einer weltfömigen, politisch mit dem Staat verflochtenen und an dessen hoheitlichen Entscheidungen beteiligten kirchlichen Hierarchie betonten, in der die Bischöfe zugleich „Lords“ im Oberhaus waren und teilweise mehr an aristokratischem Zeitvertreib als an der Pflege der ihnen anvertrauten Herde interessiert zu sein schienen. Die „Evangelicals“ verkörperten – nicht nur in der methodistischen Bewegung – neben der Stimme des „einfachen Evangeliums“ auch die Stimme des „einfachen Mannes“ auf der Straße.
Eine weitere Frontstellung ergab sich für die „evangelikalen“ Christen, auch auf dem europäischen Festland, folgerichtig. Da sie das Wesen der Gemeinde nicht in den kirchlichen Strukturen, sondern in den glaubenden Menschen sahen, arbeiteten sie naturgemäß konfessionsübergreifend. In einer Zeit, in der teilweise noch nicht einmal zwischen „reformierten“ und „lutherischen“ Kirchen Abendmahlsgemeinschaft bestand, und in der Freikirchen teilweise, zumindest in Deutschland, verboten oder zumindest häufig stark behindert wurden, trafen sich die „Evangelikalen“ aus verschiedensten kirchlichen Hintergründen „brüderlich“ und einmütig zu gemeinsamem Gebet, gemeinsamer Bibelauslegung und nicht zuletzt zu gemeinsamer Aktion.
Damit wurden sie zu Vorreitern ökumenischen Bewusstseins, unter anderem, weil sie das „hohepriesterliche Gebet“ von Jesus in Johannes 17 ernst nahmen und sich davon zur Einheit inspirieren ließen......
Doch insgesamt hatte sich die evangelikale Bewegung damit ein weiteres Anliegen auf die Fahnen geschrieben: Den Kampf um die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben und Leben. Es ist nicht falsch zu sagen, dass diese neue Kampffront von außen aufgedrängt wurde, denn erst in dem Maße, in dem Teile der Kirchen von diesem bisherigen evangelisch-reformatorischen Konsens abwichen, „mussten“ sich die „evangelikalen“ Evangelischen auch dieser wichtigen Frage annehmen.
Durch die neue Betonung der „rechten Lehre“ bzw. des Versuchs der Wahrung des bisherigen gesamt-evangelischen Konsenses, der die „Schrift allein“ und die „ganze Schrift“ unterstrich, rückte die gesamte evangelikale Bewegung nolens-volens doch ein bisschen in die eher „konservative“ Ecke, zumindest in der Bibelfrage. Waren die Evangelikalen bisher eher die „Progressiven“, die für soziale Gerechtigkeit, Weltevangelisation und Einheit aller Christen eintraten, wurden sie jetzt zumindest in Glaubensfragen eher „konservativ“. Im angelsächsischen Raum gelang es meiner Beobachtung nach vielerorts, diese Unterscheidung in „sozial-progressiv“ und „werte-konservativ“ durchzuhalten, während vor allem in Deutschland, das etwas „system-konservativer“ und „grundsätzlicher“ war als die eher pragmatischen Angelsachsen, die evangelikale Bewegung insgesamt eine Wendung zu einem grundlegenden Konservativismus machte, der sich auch in politischen Fragen äußerte.
Verstärkt wurde diese Festlegung noch durch die inner-evangelikale Auseinandersetzung mit der sogenannten „Pfingstbewegung“, die besonders in Deutschland heftig geführt wurde und in der so genannten „Berliner Erklärung“ 1909 zu einer Aufspaltung in „pro-pfingstliche“ und „anti-pfingstliche“ Evangelikale führte. In der Folge wurden auch charimatische Aufbrüche n den Kirchen immer wieder mithilfe der „Berliner Erklärung“ bekämpft. Diese damals vollzogene Trennung wirkt noch heute nach, so dass die Begriffe „evangelikal“ und „charismatisch“ zumindest in Deutschland häufig als direkte Gegensätze verstanden werden, während sie im angelsächsischen Raum, wenn auch nicht ganz deckungsgleich, so doch inklusiv verwendet werden und zu einander gehörige und in einander übergehende Gruppierungen bezeichnen. Insgesamt sind es wieder die eher bekenntnis-orientierten Evangelikalen, die die beiden Fronten „charismatisch“ und „liberal“ als Antithesen zur eigenen Überzeugung verstehen...
....
Ein evangelikaler Konsens?

Doch die oben beschriebenen Gegensätze, so plakativ und außenwirksam sie häufig aufgefasst und dargestellt werden, bestimmen, zumindest in meiner Sicht der Dinge, nicht das Zentrum des evangelikalen Anliegens. Der historische Abriss kann uns helfen, das ins Blickfeld zu nehmen, was der evangelikalen Bewegung auch in Zukunft Daseinsberechtigung und Hoffnungsperspektiven verleihen kann. Dabei wird die evangelikale Bewegung gerade dann ihre Stärke entfalten, wenn sie sich als „Bewegung“ versteht, als Impuls, der einen dynamischen Konsens beschreibt und aus diesem Selbstverständnis heraus die Kirche insgesamt und auch die Weltgesellschaft zu verändern sucht.


Den „evangelikale Konsens“, also das, was den Kern dieses kirchengeschichtlich wirksamen Impulses ausmacht, möchte ich in ein paar Kernthesen zusammenfassen.

„Evangelikal sein“ bedeutet nichts anderes als „orthodox“ an Jesus Christus zu glauben

Evangelikale Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den historischen Kern des christlichen Glaubens ernst nehmen, bewahren und als Maßstab für Glauben und Leben anwenden wollen. In sofern ist die evangelikale Bewegung eine Bewegung, die zu den Wurzeln des Christentums durchstoßen möchte, und in diesem Sinne eine Erneuerungsbewegung vom historischen Kern her darstellt.
Dies ist die eigenliche Stärke der evangelikalen Bewegung: Sie will biblisch sein im Sinne einer direkten Bezugnahme auf die heilige Schrift. Damit eröffnet die evangelikale Bewegung die Möglichkeit zum fruchtbaren Dialog mit den historischen Kirchen aller Konfessionen. So wie die Reformatoren in ihrer Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen katholischen Kirche nichts „Neues“ bringen wollten, sondern angesichts der geschichtlich entstandenen Zusätze und Neuerungen, besonders des römischen Papsttums, auf die allgemeinen anerkannten, biblischen und frühchristlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken zurückgreifen wollten, so will die evangelikale Bewegung im Kern nichts anderes als das: Evangeliumsgemäß und damit im besten Sinne „orthodox“ sein. Gegenüber zeitgeistigen oder kirchlich-tradierten Verschiebungen der christlichen Lehre will sie das allen Christen Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

„Evangelikal sein“ heißt persönlich Christus nachfolgen wollen

Durch den direkten Bezug auf die Bibel nehmen evangelikale Christen den Ruf zur Umkehr, wie er im Zentrum der Verkündigung von Jesus stand: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15) ganz persönlich ernst. Für sie kann Glauben an Christus immer nur zur bewusst gewählten Nachfolge Christi führen. Das Wort „persönlich“ ist somit wichtig für sie: Persönlicher Glaube, persönliche Nachfolge, persönliches Zeugnis sind Begriffe, die häufig erscheinen. Dabei meint „persönlich“ nicht „privat“ oder „individualistisch“, sondern „die ganze, eigene Person umfassend“. Sicherlich liegt in dieser Betonung des Individuums die Gefahr, Glaube individualistisch, also losgelöst von einer Gemeinschaft der Glaubenden, misszuverstehen. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Der „persönliche“ Glaube führt in die Gemeinde derer, die ebenfalls Christus nachfolgen, egal, in welcher Kirche oder Konfession sie verwurzelt sind.


„Evangelikale“ suchen die Einheit der Glaubenden in gemeinsamem Gebet und Zeugnis

Das ist von Anfang an ein Kennzeichen der evangelikalen Bewegung gewesen. Dadurch entwickelt sie eine Potential, kirchenübergreifend zu wirken. So nimmt es nicht Wunder, dass es z.B. in den USA die Bewegung der „Evangelical Catholics“ gibt, und dass der „charismatische“ Zweig der Evangelikalen nicht nur die römisch-katholische Kirche erreicht hat, sondern bis in die orthodoxen Kirchen hinein wirkt.
Damit ist die evangelikale Bewegung basis-ökumenisch im besten Sinn des Wortes, da sie das Gemeinsame in der Orientierung an Jesus Christus und der Hingabe an ihn sucht. Natürlich ist in dieser Fokussierung auf Jesus auch schon eine Kritik an bestimmten Sonderentwicklungen sowohl im Dogma als auch der Praxis innerhalb historischer und auch neuer Kirchen mit beinhaltet. So werden „Evangelikale“ sicher marianische Verehrung oder die Anerkennung von erst in den letzten Jahrhunderten entstandenen Dogmen wie z.B. der sogenannten unbefleckten Empfängnis und leiblichen Himmelfahrt Marias nicht mittragen können. Das bedeutet, dass die Konzentration auf das „Gemeinsame“ auch Grenzen nicht ausschließt, sondern sie zwangsläufig auch definiert.


„Evangelikale“ wollen etwas in dieser Welt bewegen

Die Dynamik des evangelikalen Teils der Christenheit hängt mit ihrer Überzeugung zusammen, dass der Missionsauftrag (Matthäus 28, 18-20) als Vermächtnis von Jesus ernst zu nehmen ist. Ebenso sehen sie sich als „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Johannes 17) als „Mitarbeiter Gottes“ (1. Korinther 3, 9), also als aktive Mitgestalter der guten und heilsamen Pläne Gottes in dieser Welt.
Besonders der Impuls, der durch die Lausanner Verpflichtung (1974) in die evangelikale Weltbewegung hineingegeben wurde, hat mitgeholfen, dass die ursprüngliche ganzheitliche Sicht des christlichen Auftrags wieder weite Teile der evangelikalen Bewegung prägen konnte. So ist der Dreiklang von Wort, Werk und Kraft des Geistes (Römer 15, 18-19), also von missionarischer Bemühung (Wort), sozialem, diakonischem und politischem Einsatz (Werk) und charismatischer Erfahrung und Bevollmächtigung (Kraft) neu entdeckt worden. Das, was mancherorts auseinander driftet, kann so zusammen gesehen und gehalten werden.
Die evangelikale Bewegung ist das, was sie sein sollte, wenn sie diese Pole gleichermaßen verkörpert: Eine aus der Erfahrung der Liebe Gottes geborene persönliche Beziehung zu Christus in der Dynamik des Heiligen Geistes, die zu die Welt bewegendem Handeln führt und in der Heiligen Schrift Inspiration und Maßstab finde.

....

Ich lebe in der Hoffnung, das das hier Entfaltete einen grundlegenden „evangelikalen Konsens“ beschreibt, der uns vor nutzlosen Grabenkämpfen bewahrt und auf die Spur setzt, auf der wir die Zukunft gewinnen können.


Gestärkt durch Konzentration und Flexibilität

Die evangelikale Bewegung ist noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte. Viele Voraussagen über die Zukunft der christlichen Kirche im 21. Jahrhundert besagen, dass sie im Wesentlichen drei Gestalten haben wird – die „orthodoxe“ Kirchengestalt, die römisch-katholische Kirche und die evangelikal-charismatische Christenheit, einschließlich der am schnellsten von allen wachsendenn Bewegung, der Pfingstkirchen, während der „liberale Protestantismus“ jedoch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde.
Die Stunde der evangelikalen Bewegung ist da, nicht nur in anderen Kontinenten, sondern auch in Europa. Dabei liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie nicht an eine bestimmte Kirchengestalt gebunden ist, sondern einen inneren Impuls ausmacht, der sich sowohl in landeskirchlichen wie in freikirchlichen Strukturen entfalten kann, wenn auch dieses sicher leichter ist als jenes.
Stark wird die evangelikale Bewegung gerade dann sein, wenn sie diese Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewahrt, mit anderen Worten, wenn sie sich zielgerichtet auf ihre zentralen Themen konzentriert: Einheit der an Christus Glaubenden, Autorität der Bibel, Weltmission und Evangelisation, Einsatz in der Welt im Auftrag von Jesus und auf ihn ausgerichtete Glaubenserfahrung, die sich im Gebet und im Hören auf die Leitung des Heiligen Geistes ausdrückt.


Geleitet vom „augustinischen Ratschlag“


Die evangelikale Bewegung tut gut daran, den Satz zu beherzigen, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben ist: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in ommibus caritas“ – „In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allen Dingen Liebe“. So könnte sie sich vor inneren Selbstzerfleischungstendenzen bewahren und zu der Kraft heranreifen, die in der Tat in der Lage ist, auch in einer postmodernen und teilweise gegen-christlichen Gesellschaft Gehör zu finden und positiv Orientierung zu geben. Aktion und spirituelles Fundament, Sendung und Sammlung sind gleichermaßen notwendig, um der evangelikalen Bewegung eine Stimme und Gestalt zu geben.


Orthodox, katholisch und evangelisch zugleich

Die evangelikale Bewegung gehört ins Zentrum der Christenheit. Mit ihrer Betonung der Autorität der Bibel ist sie im eigentlichen Wortsinn „orthodox“. Rechtgläubigkeit ist für sie ein hohes Gut, evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den „Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist“ (Judas 3).
Mit ihrer Betonung der Herzenseinheit aller an Christus Glaubenden, über alle konfessionellen Grenzen hinweg, ist sie wahrhaft „katholisch“, also alle umfassend. Mit ihrer missionarischen und diakonischen Weltberufung ist sie länder- und zeitübergreifend.
Und mit ihrer starken Verwurzelung in der reformatorischen Tradition und ihrer Betonung der Bibel ist sie zutiefst evangelisch.

...
Zum Schluss sieben Beobachtungen und Wünsche, aus einer Innensicht der evangelikalen Christenheit geboren:

......
Evangelikale Christen können deshalb nicht ruhen, bis das Evangelium „aller Kreatur“ verkündigt ist und alle Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur das Wort Gottes zu hören und lebendige Gemeinde zu leben und zu erleben.
Ebenso geben sich evangelikale Christen nicht damit zufrieden, wenn und dass Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Hass, Hunger, Krieg, Korruption und was es noch an Zerstörerischem geben mag, das Leben der Menschen bestimmt. Sie stehen dagegen auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft, die der Heilige Geist ihnen darreicht, an der Erneuerung der Welt. Jedoch nicht so, als könnten sie das Paradies hier und jetzt schaffen, sondern als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.


Zielgerichtet evangelisch

Evangelikal zu sein bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als „eigentlich“ evangelisch zu sein. Und zwar mit einer Zielrichtung, die das Reich Gottes meint und den Einzelnen wahrnimmt und achtet. Evangelikal zu sein heißt für mich, aus dem Evangelium zu leben und darin immer neu die Quelle lebendigen Wassers zu finden, die niemand anderes ist als Jesus selbst.
(Ende der Auszüge)

Wie gesagt - der volle Text steht im Buch "Der E-Faktor" und ist auch im vorvorletzten "Salzkorn", dem Magazin der Offensive Junger Christen (www.ojc.de) erschienen (das ist kostenlos anzufordern).

Wednesday, December 20, 2006

Ich lebe noch

Lieber Leser! - Wenn es Dich überhaupt noch gibt...?

Fast ein halbes Jahr habe ich hier nichts reingestellt.

Warum? Sicher einfach völlig überlastet.

Und: Ich merke, dass die Sache mit dem Tod meines Vaters mich doch mehr beschäftigt hat, als ich gemerkt habe.

Aber - ich will wieder mal ab und zu hier was reinsetzen.

So viele meiner guten Freunde verewigen sich in der Welt des Blogs...

Da will ich nicht abseits stehen.

Also: Hier bin ich wieder.

Und zur Entschädigung für mein langes Schweigen setze ich hier einen Artikel rein, den ich vor ein paar Ausgaben in "dran" veröffentlicht habe.

Seid gesegnet!
roland


Die Macht der Worte


Sechs Jahre verliebt, drei Jahre verlobt, dreiundzwanzig Jahre verheiratet. Das ist die nüchterne Bilanz unserer Beziehung. Elke Brands und Roland Werner. Alte Liebe rostet nicht, oder wie heißt der Spruch noch einmal? Schön, wenn es so leicht wäre!
Denn in all der Zeit haben wir miterlebt, wie manche Beziehung um uns herum zerbrochen ist. Alte Liebe mit Roststellen und mit Bruchstellen. Alte Liebe, die dann doch veraltete und schließlich auf dem Schrottplatz der Geschichte landete. Verletzte Männer, verbitterte Frauen, verwundete Herzen, verlorene Jahre.
Kinder, die auf der Strecke blieben, traurig und verunsichert.
Wie konnte das nur geschehen? Wie kann das auch bei Christen geschehen? Meist fing es mit den Worten an. Den Worten, die ausblieben, weil wir so beschäftigt sind mit dem Alltag, mit Arbeit und Hobby, mit Stress und Spaß. Da waren einfach keine Worte mehr. Keine Kraft, dem anderen zu sagen: Du, ich hab dich noch immer lieb wie am ersten Tag! Keine Lust, mal „Danke!“ zu sagen oder: „Bitte!“ oder einfach: „Ich liebe dich!“ Doch die fehlenden Worte sind durch nichts zu ersetzen. Wo sie hätten ertönen sollen, bleibt Leere zurück. Ein Nichts, das immer größer wird.
Nicht gesprochene Worte werden zu Wunden bei denen, die sich danach sehnen. Gestern sah ich es wieder bei IKEA. Eine Familie beim Einkaufen. Der Junge, vielleicht zehn Jahre, sagte: „Papa, guck mal, was ich hier habe!“ Keine Reaktion. Der Junge läuft ihm nach und versucht es noch einmal: „Papa, guck mal!“ Wieder keine Reaktion. Erst beim dritten Anlauf dreht sich der Vater kurz um, grunzt etwas Unverständliches und wendet sich wieder ab. Sein Sohn wird keines Wortes gewürdigt. Kein Lob, keine Anteilnahme, einfach kein Interesse. Respektlos. Am liebsten würde ich hinlaufen, den Vater schütteln, ihn fragen, ob er nicht merkt, was er tut beziehungsweise unterlässt. Ich möchte den Jungen ansprechen, ihn fragen, was er seinem Vater zeigen wollte. Würde gern der Vater für ihn sein, der ihn sieht und würdigt. Doch ich gehe weiter, sprachlos und hilflos.
Neben den fehlenden Worten sind da noch die absichtlich verletzenden Worte. Einer wird von den anderen fertiggemacht, herabgesetzt und entwürdigt. Nicht nur auf dem Schulhof, doch auch dort: Hänseleien, die vielleicht nicht so gemeint, und doch das Leben des anderen belasten. In seelsorgerlichen Gesprächen höre ich das andauernd. Tiefe Wunden, geschlagen von Kumpels und Freunden, von Brüdern und Schwestern und Eltern. Und auch von Eheleuten.
Worte wie Schläge, Worte, die den anderen festlegen, ihn klein machen und entmenschlichen. Tief graben sie sich ein in Denken und Herz und hinterlassen ihre giftige Ladung. „Du bist nichts wert! Du bist unfähig! Du bist doof! Du bist zu dick! Du bist zu klein! Das verstehst du nicht! Du hast keine Ahnung! Du bist ein Versager! Hau ab, hier hast du nichts zu suchen!“ Tausendfach fliegen sie wie feurige Pfeile des Bösen.
Wieso machen wir das eigentlich? Wieso tun wir das einander an? Müssen wir uns wirklich selbst aufbauen, indem wir andere kaputt machen?
Die Macht der Worte ist immens. Nicht nur Gottes Worte haben Macht. Auch unsere Worte. Macht zum Aufbauen und Macht zum Zerstören. Und je verwundeter eine Seele ohnehin schon ist, umso stärker wirken verletzende Worte in ihr.
Die Macht unserer Worte beschreibt Jakobus, der Bruder von Jesus eindrücklich: „Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt! Auch die Zunge ist ein Feuer. Sie ist eine Welt voller Unrecht und beschmutzt den ganzen Menschen. Sie setzt unser Leben von der Geburt bis zum Tod in Brand mit einem Feuer, das aus der Hölle selbst kommt. Der Mensch hat es fertig gebracht, alle Tiere zu bändigen: Raubtiere, Vögel, Schlangen und Fische. Aber die Zunge hat noch niemand bändigen können, diesen ruhelosen Störenfried, voll von tödlichem Gift. Mit der Zunge loben wir Gott, unseren Herrn und Vater - und mit ihr verfluchen wir unsere Mitmenschen, die nach Gottes Bild geschaffen sind. Aus demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Brüder und Schwestern, das darf nicht sein!“ (Jakobus 3)
Ja, das darf nicht sein! Ich will das in meinem Leben nicht haben. Ich will nicht, dass durch meine Worte andere verletzt werden. Und doch erkenne ich, wo ich genau das getan habe. Wo ich mit meinen Worten andere fertig gemacht habe. Manchmal ungewollt und aus Versehen, manchmal aber auch mit voller Absicht. In allen Fällen tut es weh und wirkt zerstörerisch. Ich weiß: Ich kann meine Worte einsetzen wie Waffen. Gerade in der Ehe und überhaupt bei Menschen, die ich gut kenne, und doch eigentlich lieb habe.
Die Macht meiner Worte ist groß, das weiß ich. Deshalb bete ich: „Herr, lass meine Worte Heilung bringen. Lass mich Wahres sprechen und das, was aufbaut. Hilf mir, Gutes zu sagen. Ich will mit meinen Worten mithelfen, dass andere heil werden. Hilf mir, ein Segen zu sein. Für meine Frau. Für meine Familie und Freunde. Für meine Gemeinschaft und Gemeinde. Für meine Umgebung. Für diese Welt. Du, Jesus, hast Worte des ewigen Lebens. Und die will ich dir nachsprechen.“

Thursday, June 29, 2006

Calling all Nations 15. Juli Berlin

Liebe Grüße an alle Leser!

Ich habe länger nichts von mir hören lassen. Hier nun eine kleine Stellungnahme zu einem aktuellen Thema:

Kurze Stellungnahme zum „Zwischenruf“

Warum man sehr wohl zu Calling All Nations fahren kann


In diesen Tagen macht eine email die Runde, die von einer Teilnahme an der Veranstaltung „Calling all Nations“ am 15. Juli 2006 im Olympiastadion in Berlin abrät. Sie ist verfasst von Dr. Theo Lehman, Lutz Scheufler und Hartmut Zopf. Als Leitungskreis wollen wir dazu kurz Stellung nehmen.
Wir sind enttäuscht, dass die genannten Brüder in einer kritischen Phase der Vorbereitung eine Mail mit irreführenden Vorwürfen verbreiten, ohne vorher das Gespräch mit uns gesucht zu haben. Sie kritisieren sowohl den Preis als auch inhaltliche Aspekte. Auch wir hätten uns gewünscht, solch einen Tag ohne Teilnahmebeitrag durchführen zu können und tun derzeit alles, um das Budget noch einmal drastisch zu kürzen. Die Charakteristik einer Stadionveranstaltung verursacht Unkosten, die nicht zu umgehen sind. Calling all Nations wird von keiner offiziellen Seite subventioniert und muss sich ganz aus den Ticketverkäufen sowie Spenden finanzieren.
Bei zur Zeit gut 16.000 verkauften Tickets hoffen wir auf 25.000 Teilnehmer, damit alle Kosten gedeckt werden können. Alle Mitwirkenden haben deswegen auf Honorare, Gagen, und Erstattung der Kosten für Fahrt und Unterbringung verzichtet. Dafür sind wir dankbar.
Wenn der im „Zwischenruf“ aufgebauschte Gegensatz zwischen Geld für eine christliche Veranstaltung einzusetzen oder direkt für die Mission zu geben, so richtig wäre, könnte die Mehrzahl christlicher Aktionen gar nicht stattfinden.
Die Vision der Veranstaltung ist, Christen zum Lob Gottes zusammenzuführen, sie zum Gebet für unser Land und die Welt zu ermutigen und das Anliegen der weltweiten Mission zu betonen. Dies kommt im Programm durch Loblieder, Gebete und mehrfache Predigteile zum Ausdruck. Wir sind ermutigt, dass viele Christen aus den unterschiedlichsten Kirchen und Prägungen dieses Anliegen verstanden haben und gemeinsam feiern, beten und Gottes Wort hören wollen.
Die uns unterstellten Sonderlehren wie z.B. „Wohlstandsevangelium“ und ähnliches spielen weder im Veranstalterkreis noch an dem Tag selbst eine Rolle. Auch der Vorwurf, im Programmheft fänden sich keine biblischen Begründungen, ist nicht wahr.
Als Veranstalter hoffen wir, dass sich noch viele spontan auf den Weg nach Berlin machen und sich von dem „Zwischenruf“ nicht in dem Anliegen irre machen lassen, gemeinsam den dreieinigen Gott in einer großen internationalen Gemeinschaft von Christinnen und Christen anzubeten.
Karten sind nach wie vor im Vorverkauf und auch am Tag selbst am Olympiastadion erhältlich.

www.callingallnations.com

Der Leitungskreis von Calling all Nations, 20. Juni 2006

Sunday, June 11, 2006

Danke Vater

Am Dienstag, den 6. Juni 2006, ist mein Vater gestorben, vier Wochen nach seinem achtzigsten Geburtstag.
Gestern haben wir seinen Körper in die Erde gelegt.
Er selbst ist schon längst bei Gott.
Ich bin dankbar für sein Leben und all das, was er in mich und uns alle investiert hat.
Über die Traueranzeige haben wir einen Vers aus den Psalmen gesetzt, der sein Leben charakterisiert:

"Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt!"
Psalm 26, 8

In allem Wechsel seines Lebens - von Labes in Pommern, wo er geboren wurde, über die Kriegsgefangenenjahre in Ägypten - er war mit 17 Jahren eingezogen worden -, über Duisburg, wo er meine Mutter kennen lernte und unsere Familie wohnte und Mettingen bei Osnabrück, wo sie die letzten fast 18 Jahre lebten - zog sich das durch: Vater wollte dort sein, wo Gottes Haus ist, wo Menschen an Gott glauben und als Christen gemeinsam lebten und feierten, Freuden und Leiden miteinander teilten.

Geboren als achtes von elf Kindern war er von Anfang an gemeinschaftsfähig.

Ich danke Gott für so einen Vater und danke ihm und meiner Mutter, die jetzt mit 82 Jahren einen neuen Lebensabschnitt durchleben muss, für alles.

p.s. Die letzten Wochen waren von vielen Fahrten nach Mettingen gekennzeichnet. Die Tage nach dem Tod war ich bei meiner Mutter und unterstützte sie in allen praktischen Dingen.

Wednesday, May 17, 2006

Eltern

Die letzten Wochen waren voll. Viele Reisen, viele Ereignisse. Volle Gottesdienste, Seminare und vieles mehr.
Habe ein neues Buch zuende geschrieben, das im Herbst im Neufeld-Verlag erscheinen soll. Titel:
Jesus Christus? Sieben Gründe, warum ich ihm nachfolge.
Bin gerade noch an einem zweiten Buch.
Am meisten beschäftigt mich aber die Tatsache, dass mein Vater, dessen 80. Geburtstag wir letzte Woche feiern wollten, seit fast 3 Wcohen im Krankenhaus liegt.
Die Feier wurde abgesagt. Ich konnte ihn an seinem Geburtstag besuchen.
Aus diesem Anlass füge ich einen Artikel an, den ich vor einigen Monaten für "dran" geschrieben habe.
Er drückt am besten aus, was ich zur Zeit empfinde.

Liebe Grüße an alle, die dies lesen

roland



Meine Eltern

Irgendwie habe ich Lust, heute etwas über meine Eltern zu schreiben. Ob das daran liegt, dass ein Bild von ihnen hier bei mir im Arbeitszimmer steht? Oder daran, dass ich mit zunehmendem Alter nostalgischer werde? Wie auch immer, das ist heute mein Thema.

Eins ist mir klar: Ich kann mich wirklich glücklich preisen, dass ich solche Eltern habe. Inzwischen sind sie beide um die achtzig Jahre alt, meine Mutter immerhin schon einundachtzig und mein Vater bescheidene neunundsiebzig. Ihre goldene Hochzeit ist schon ein paar Jährchen her, schließlich haben sie 1951 geheiratet, und wirklich „in Freud und Leid“ zueinander gehalten. Als einer, der gerade mal die Zwanzig-Ehejahre-Grenze durchstoßen hat, finde ich das eine ziemliche Leistung.

Wobei bei ihnen auch nicht alles immer Friede, Freude, Eierkuchen war. Doch Erika und Martin, so heißen die beiden nämlich, haben es immer wieder geschafft, nämlich trotz unterschiedlicher, oft sogar völlig entgegengesetzter Ansichten, aufeinander zuzugehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie nie aufgehört haben, miteinander zu beten. Es werden nur wenige Tage gewesen sein, wo sie nicht am Abend gemeinsam am Bett niedergekniet sind und alles, was ihnen wichtig war, dem himmlischen Vater anbefohlen haben.

Dabei sind meine Eltern alles andere als das, was man klassisch als „fromm“ verstehen würde. Meine Mutter zum Beispiel ist bis auf den heutigen Tag ein unglaublich kritischer Geist, der sich über alles und jedes Gedanken macht. Dass dabei manchmal auch Dinge sind, die sie streng genommen nicht direkt etwas angehen, muss man dabei in Kauf nehmen. Auf jeden Fall nimmt sie intensiv Anteil an dem, was in der Welt und ihrer Umgebung geschieht. Immer wieder erstaunt sie mich mit ihren Nachfragen. Sie erinnert sich an Leute, die sie jahrelang nicht gesehen hat und will alles genau wissen. Manchmal etwas nervig, aber auf jedenfall hundertmal besser als uninteressierte Gleichgültigkeit.

Bücher liest sie bis heute ohne Ende, und ruft zu allen möglichen Tag- und Nachtzeiten an, um mit mir darüber zu diskutieren, wenn sie etwas nicht verstanden hat oder anderer Meinung als der Autor ist. Ganz besonders, wenn irgendwo soziales Unrecht geschieht, muss sie ihrer Empörung Luft machen. Meine Mutter war und ist eine kleine Revoluzzerin und scheut auch vor Konflikten nicht zurück.

Mein Vater ist das genaue Gegenteil. Harmonie ist das oberste Gut, und in jedem Verhalten sucht er noch den guten Kern oder zumindest die gute Absicht. Und findet auch meistens etwas. Und fürsorglich ist er bis zum Anschlag. Wenn ich als Student nach Hause kam, fand ich unweigerlich am nächsten Morgen meine Schuhe geputzt vor. Manchmal ging mir das auf den Geist. Ich fand es unmöglich, dass mein Vater fast keine eigenen Bedürfnisse zu haben schien, sondern sich immer nur darum bemühte, anderen einen Gefallen zu tun und ihnen das Leben zu erleichtern. Doch beim genauerem Hinschauen muss ich sagen, dass hier eine unglaubliche Stärke sichtbar wird. Selbstlosigkeit zeigt, dass man seine Mitte gefunden hat und sich selbst deshalb einfach los lassen kann.

Was ich von meinen Eltern gelernt habe? Drei Dinge fallen mir sofort ein: Der Umgang mit Geld, Engagement für die Kirche und weltweiter Horizont.

Erstens: Geld. Als Flüchtling aus Pommern und nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in Ägypten kam mein Vater völlig abgebrannt ins Ruhrgebiet, wo er meine Mutter traf. Gemeinsam bauten sie sich eine bescheidene Existenz auf. Jeder Pfennig wurde zweimal umgedreht. Und doch waren sie, wenn es um die Gemeinde oder um Hilfe für andere ging, immer großzügig. Sie verzichteten oft selbst, um anderen helfen zu können. Bei Geldsachen genau und großzügig zugleich zu sein, das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Zweitens: Engagment für die Kirche. Es war für sie selbstverständlich, dass meine Eltern in der örtlichen Kirchengemeinde mitarbeiteten. Natürlich ehrenamtlich, aber umso intensiver. Viele Jahre leiteten sie den Kindergottesdienst. Meine Mutter spielte Orgel, und auch meinen beiden Brüdern und mir blieb dies nicht erspart: Orgel lernen war angesagt! Auf jeden Fall war das normal: Christsein heißt, sich einbringen in die Gemeinde. Aber nicht unkritisch. Zu oft litten meine Eltern unter der Selbstherrlichkeit mancher Pfarrer, die für einige Jahre da waren, dann aber natürlich immer als Chefs auftraten. Das war nicht immer leicht zu ertragen. Auch nicht, zu erleben, wie systematisch gute Traditionen kaputt gemacht wurden. Aber meine Eltern sind dennoch ihr Leben lang der Kirche treu geblieben. Erstens gehörte das zum guten Ton und zweitens zum Glauben an Gott dazu. Mich einzusetzen und nicht unbedingt Dank und Anerkennung zu erwarten, das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Und drittens: Der weltweite Horizont. Obwohl sie in bescheidenen Verhältnissen lebten – mein Vater war einfacher Postbeamter, meine Mutter Sekretärin, erst bei der Kripo und dann bei einer Schule – waren sie immer weltoffen. Auch wenn kaum Geld da war, ihnen war wichtig, uns Kindern die Welt zu zeigen. Und so fuhren wir schon ganz früh über die Alpen, in dem Auto, das uns nur zur Hälfte gehörte – die andere Hälfte meinem Onkel und meiner Tante. Und obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten konnten, schickten sie mich zum Austausch in die USA. Denn Weitblick und Bildung, das war ihnen wichtig. Und bis ins hohe Alter reisten sie selbst, Russland, USA, Türkei, Israel, England, Frankreich und so weiter. Weltoffenheit – auch das habe ich von ihnen gelernt.

Aber vor allem eins ist für mich das Erbe meiner sicher nicht vollkommenen und fehlerfreien Eltern: Gott gehört einfach dazu. Alles andere wäre dumm.

Das ist doch was, oder?

Herzlich, Euer

Roland Werner

Thursday, April 06, 2006

Passion heute


Ich komme gerade vom CT Gottesdienst. Jetzt in den Semesterferien, sind weniger Leute in der Pfarrkirche als sonst, nur zwischen 300 und 350.
Heute war mein Thema: Vom Volkshelden zum Angeklagten - Warum Jesus sterben musste.
Wer sie hören will, kann sie sich in ein paar Tagen von der CT-Homepage herunterladen (www.christus-treff.org).

Jesus musste sterben.
Warum?

Dazu aus dem Vorwort meines Buches "Provokation Kreuz"

Es ist schon starker Tobak, was das Neue Testament uns zumutet: Die Hinrichtung eines Menschen, der ganz und gar unschuldig war, in allen Einzelheiten geschildert. Das finde ich provozierend.

Es ist schon ein starkes Stück, dass Jesus von Nazareth nicht versucht hat, auszuweichen. Er ging den Weg zum Kreuz bewusst, sehenden Auges und ohne zurückzuweichen. Das finde ich unglaublich.

Es ist schon heftig, dass die gleichen Leute, die von ihm profitiert hatten, ihn jetzt verstießen und ihn an die römischen Besatzer auslieferten, damit diese das Todesurteil vollstreckten. Das finde ich gemein.

Es ist schon unerhört, dass Jesus noch am Kreuz für die betet, die das alles verschuldet hatten. Er hält die Liebe, die sein Leben gekennzeichnet hat, zu allen bis zum Ende durch. Das finde ich einzigartig.

Es ist schon jenseits aller Vorstellungskraft, dass ein ausgepeitschter, an die Holzbalken genagelter Mann, der vor aller Augen seinen letzten Atemzug tat, am dritten Tag den Tod hinter sich gelassen hat wie ein altes Kleid, das nicht mehr gebraucht wird. Das finde ich unglaublich.

Es ist schon herausfordernd, dass es bis heute Menschen gibt, die behaupten, auf echte und spürbare Weise mit diesem Mann vom Kreuz in Kontakt zu sein. Er lebt, so behaupten sie, und nimmt Anteil an allem, was geschieht. Das finde ich nachprüfenswert."

Ich will in den nächsten Tagen bewusst darüber nachdenken, was das für mich bedeutet.

Und für diese Welt, deren Wirklichkeit leider an vielen Stellen auch von dem Thema "Passion" gekennzeichnet ist:

z.B. in Darfur, wo nach wie vor Dörfer niedergebrannt werden, Frauen vergewaltigt, Kinder in die Sklaverei verkauft werden,

und an vielen Stellen.

Für mich ist es tröstlich zu wissen, dass Jesus diese harten Realitäten selbst erfahren hat.

Wir Christen glauben nicht an eine abstrakten Gott, keine philosophische Idee des höchsten Guten, sondern an einen menschgewordenen Schöpfer, der sich selbst erniedrigt bis in die blutige Wirklichkeit des Verbrechertods am Kreuz hinein.

Diesem verwundeten Gott kann ich mein verwundetes Leben anvertrauen.

Hier ist Heilung möglich, denn hier findet sich ein Heiland.

Roland

Tuesday, March 21, 2006

München, Marburg und mehr

Hier bin ich wieder - schreibe diese Zeilen in München, wo ich für ein paar Tage bei ProChrist mithelfe.
München ist eine super Stadt, und ich habe neben bewegenden Abenden auch viele nette Leute getroffen.
Seit fast zwei Wochen sind wir aus Afrika zurück. Dort ging es hervorragend, Einzelheiten kann ich leider dem Blog nicht anvertrauen.
Wir hatten teilweise über 40 Grad, und das im Februar, da war der Temperatursturz ziemlich krass.
Es war super, unsere Freunde in Marburg wieder zu treffen.
Gerade bin ich dabei, zwei Buchmanuskripte fertig zu stellen, freue mich auf das Ergebnis.
Das in aller Kürze - nur als Meldung, dass ich wieder da bin und auch Internet-Zugang habe.

Ach ja, was mich freut, ist unser neues CT-Magazin InContaCT mit dem Thema "Aufbrüche - Umbrüche".
Wer es noch nicht hat, kann es im CT-Büro Steinweg 12 Marburg bestellen.

Auf der Rückseite haben ich einen kleinen Text geschrieben, den ich hier noch mal einfüge.

Gottes Segen allen, die dies lesen

Roland

aufbruch

wenn das, was gestern war
und das, was heute ist
den blick versperrt
auf das
was kommen wird
was sein könnte
wohin wir gehen sollten

dann ist aufbruch
nur ein wort
ein traum
eine sehnsucht

doch wir sind zu faul
zu bequem
zu eitel
um wirklich aufzubrechen

denn aufbruch tut weh
gewohntes wird zurückgelassen
das haus wird abgebrochen
in dem wir so lange gelebt haben

doch schon hat Gott ein zelt für uns bereit
mit dem wir aufbrechen können
eine wohnstatt für die zwischenzeit

denn nur das ist es
ein pilgern auf dem weg
wir haben hier keine bleibende stadt
doch die zukünftige suchen wir

der menschensohn hatte keinen ort
darauf er sein haupt legen konnte

wir haben mehr
geschenkte zeit
gegnadetes leben

doch lasst uns haben als hätten wir nicht
gebrauchen ohne zu besitzen
genießen und uns freuen
doch auch teilen und weiterschenken

denn das beste kommt noch
wenn der könig am ende die türen öffnet
und sagt
seid willkommen
ihr gesegneten des herrn!

c. Roland Werner Dez 2005