Wednesday, May 17, 2006

Eltern

Die letzten Wochen waren voll. Viele Reisen, viele Ereignisse. Volle Gottesdienste, Seminare und vieles mehr.
Habe ein neues Buch zuende geschrieben, das im Herbst im Neufeld-Verlag erscheinen soll. Titel:
Jesus Christus? Sieben Gründe, warum ich ihm nachfolge.
Bin gerade noch an einem zweiten Buch.
Am meisten beschäftigt mich aber die Tatsache, dass mein Vater, dessen 80. Geburtstag wir letzte Woche feiern wollten, seit fast 3 Wcohen im Krankenhaus liegt.
Die Feier wurde abgesagt. Ich konnte ihn an seinem Geburtstag besuchen.
Aus diesem Anlass füge ich einen Artikel an, den ich vor einigen Monaten für "dran" geschrieben habe.
Er drückt am besten aus, was ich zur Zeit empfinde.

Liebe Grüße an alle, die dies lesen

roland



Meine Eltern

Irgendwie habe ich Lust, heute etwas über meine Eltern zu schreiben. Ob das daran liegt, dass ein Bild von ihnen hier bei mir im Arbeitszimmer steht? Oder daran, dass ich mit zunehmendem Alter nostalgischer werde? Wie auch immer, das ist heute mein Thema.

Eins ist mir klar: Ich kann mich wirklich glücklich preisen, dass ich solche Eltern habe. Inzwischen sind sie beide um die achtzig Jahre alt, meine Mutter immerhin schon einundachtzig und mein Vater bescheidene neunundsiebzig. Ihre goldene Hochzeit ist schon ein paar Jährchen her, schließlich haben sie 1951 geheiratet, und wirklich „in Freud und Leid“ zueinander gehalten. Als einer, der gerade mal die Zwanzig-Ehejahre-Grenze durchstoßen hat, finde ich das eine ziemliche Leistung.

Wobei bei ihnen auch nicht alles immer Friede, Freude, Eierkuchen war. Doch Erika und Martin, so heißen die beiden nämlich, haben es immer wieder geschafft, nämlich trotz unterschiedlicher, oft sogar völlig entgegengesetzter Ansichten, aufeinander zuzugehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie nie aufgehört haben, miteinander zu beten. Es werden nur wenige Tage gewesen sein, wo sie nicht am Abend gemeinsam am Bett niedergekniet sind und alles, was ihnen wichtig war, dem himmlischen Vater anbefohlen haben.

Dabei sind meine Eltern alles andere als das, was man klassisch als „fromm“ verstehen würde. Meine Mutter zum Beispiel ist bis auf den heutigen Tag ein unglaublich kritischer Geist, der sich über alles und jedes Gedanken macht. Dass dabei manchmal auch Dinge sind, die sie streng genommen nicht direkt etwas angehen, muss man dabei in Kauf nehmen. Auf jeden Fall nimmt sie intensiv Anteil an dem, was in der Welt und ihrer Umgebung geschieht. Immer wieder erstaunt sie mich mit ihren Nachfragen. Sie erinnert sich an Leute, die sie jahrelang nicht gesehen hat und will alles genau wissen. Manchmal etwas nervig, aber auf jedenfall hundertmal besser als uninteressierte Gleichgültigkeit.

Bücher liest sie bis heute ohne Ende, und ruft zu allen möglichen Tag- und Nachtzeiten an, um mit mir darüber zu diskutieren, wenn sie etwas nicht verstanden hat oder anderer Meinung als der Autor ist. Ganz besonders, wenn irgendwo soziales Unrecht geschieht, muss sie ihrer Empörung Luft machen. Meine Mutter war und ist eine kleine Revoluzzerin und scheut auch vor Konflikten nicht zurück.

Mein Vater ist das genaue Gegenteil. Harmonie ist das oberste Gut, und in jedem Verhalten sucht er noch den guten Kern oder zumindest die gute Absicht. Und findet auch meistens etwas. Und fürsorglich ist er bis zum Anschlag. Wenn ich als Student nach Hause kam, fand ich unweigerlich am nächsten Morgen meine Schuhe geputzt vor. Manchmal ging mir das auf den Geist. Ich fand es unmöglich, dass mein Vater fast keine eigenen Bedürfnisse zu haben schien, sondern sich immer nur darum bemühte, anderen einen Gefallen zu tun und ihnen das Leben zu erleichtern. Doch beim genauerem Hinschauen muss ich sagen, dass hier eine unglaubliche Stärke sichtbar wird. Selbstlosigkeit zeigt, dass man seine Mitte gefunden hat und sich selbst deshalb einfach los lassen kann.

Was ich von meinen Eltern gelernt habe? Drei Dinge fallen mir sofort ein: Der Umgang mit Geld, Engagement für die Kirche und weltweiter Horizont.

Erstens: Geld. Als Flüchtling aus Pommern und nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in Ägypten kam mein Vater völlig abgebrannt ins Ruhrgebiet, wo er meine Mutter traf. Gemeinsam bauten sie sich eine bescheidene Existenz auf. Jeder Pfennig wurde zweimal umgedreht. Und doch waren sie, wenn es um die Gemeinde oder um Hilfe für andere ging, immer großzügig. Sie verzichteten oft selbst, um anderen helfen zu können. Bei Geldsachen genau und großzügig zugleich zu sein, das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Zweitens: Engagment für die Kirche. Es war für sie selbstverständlich, dass meine Eltern in der örtlichen Kirchengemeinde mitarbeiteten. Natürlich ehrenamtlich, aber umso intensiver. Viele Jahre leiteten sie den Kindergottesdienst. Meine Mutter spielte Orgel, und auch meinen beiden Brüdern und mir blieb dies nicht erspart: Orgel lernen war angesagt! Auf jeden Fall war das normal: Christsein heißt, sich einbringen in die Gemeinde. Aber nicht unkritisch. Zu oft litten meine Eltern unter der Selbstherrlichkeit mancher Pfarrer, die für einige Jahre da waren, dann aber natürlich immer als Chefs auftraten. Das war nicht immer leicht zu ertragen. Auch nicht, zu erleben, wie systematisch gute Traditionen kaputt gemacht wurden. Aber meine Eltern sind dennoch ihr Leben lang der Kirche treu geblieben. Erstens gehörte das zum guten Ton und zweitens zum Glauben an Gott dazu. Mich einzusetzen und nicht unbedingt Dank und Anerkennung zu erwarten, das habe ich von meinen Eltern gelernt.

Und drittens: Der weltweite Horizont. Obwohl sie in bescheidenen Verhältnissen lebten – mein Vater war einfacher Postbeamter, meine Mutter Sekretärin, erst bei der Kripo und dann bei einer Schule – waren sie immer weltoffen. Auch wenn kaum Geld da war, ihnen war wichtig, uns Kindern die Welt zu zeigen. Und so fuhren wir schon ganz früh über die Alpen, in dem Auto, das uns nur zur Hälfte gehörte – die andere Hälfte meinem Onkel und meiner Tante. Und obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten konnten, schickten sie mich zum Austausch in die USA. Denn Weitblick und Bildung, das war ihnen wichtig. Und bis ins hohe Alter reisten sie selbst, Russland, USA, Türkei, Israel, England, Frankreich und so weiter. Weltoffenheit – auch das habe ich von ihnen gelernt.

Aber vor allem eins ist für mich das Erbe meiner sicher nicht vollkommenen und fehlerfreien Eltern: Gott gehört einfach dazu. Alles andere wäre dumm.

Das ist doch was, oder?

Herzlich, Euer

Roland Werner