Wednesday, December 20, 2006

Ich lebe noch

Lieber Leser! - Wenn es Dich überhaupt noch gibt...?

Fast ein halbes Jahr habe ich hier nichts reingestellt.

Warum? Sicher einfach völlig überlastet.

Und: Ich merke, dass die Sache mit dem Tod meines Vaters mich doch mehr beschäftigt hat, als ich gemerkt habe.

Aber - ich will wieder mal ab und zu hier was reinsetzen.

So viele meiner guten Freunde verewigen sich in der Welt des Blogs...

Da will ich nicht abseits stehen.

Also: Hier bin ich wieder.

Und zur Entschädigung für mein langes Schweigen setze ich hier einen Artikel rein, den ich vor ein paar Ausgaben in "dran" veröffentlicht habe.

Seid gesegnet!
roland


Die Macht der Worte


Sechs Jahre verliebt, drei Jahre verlobt, dreiundzwanzig Jahre verheiratet. Das ist die nüchterne Bilanz unserer Beziehung. Elke Brands und Roland Werner. Alte Liebe rostet nicht, oder wie heißt der Spruch noch einmal? Schön, wenn es so leicht wäre!
Denn in all der Zeit haben wir miterlebt, wie manche Beziehung um uns herum zerbrochen ist. Alte Liebe mit Roststellen und mit Bruchstellen. Alte Liebe, die dann doch veraltete und schließlich auf dem Schrottplatz der Geschichte landete. Verletzte Männer, verbitterte Frauen, verwundete Herzen, verlorene Jahre.
Kinder, die auf der Strecke blieben, traurig und verunsichert.
Wie konnte das nur geschehen? Wie kann das auch bei Christen geschehen? Meist fing es mit den Worten an. Den Worten, die ausblieben, weil wir so beschäftigt sind mit dem Alltag, mit Arbeit und Hobby, mit Stress und Spaß. Da waren einfach keine Worte mehr. Keine Kraft, dem anderen zu sagen: Du, ich hab dich noch immer lieb wie am ersten Tag! Keine Lust, mal „Danke!“ zu sagen oder: „Bitte!“ oder einfach: „Ich liebe dich!“ Doch die fehlenden Worte sind durch nichts zu ersetzen. Wo sie hätten ertönen sollen, bleibt Leere zurück. Ein Nichts, das immer größer wird.
Nicht gesprochene Worte werden zu Wunden bei denen, die sich danach sehnen. Gestern sah ich es wieder bei IKEA. Eine Familie beim Einkaufen. Der Junge, vielleicht zehn Jahre, sagte: „Papa, guck mal, was ich hier habe!“ Keine Reaktion. Der Junge läuft ihm nach und versucht es noch einmal: „Papa, guck mal!“ Wieder keine Reaktion. Erst beim dritten Anlauf dreht sich der Vater kurz um, grunzt etwas Unverständliches und wendet sich wieder ab. Sein Sohn wird keines Wortes gewürdigt. Kein Lob, keine Anteilnahme, einfach kein Interesse. Respektlos. Am liebsten würde ich hinlaufen, den Vater schütteln, ihn fragen, ob er nicht merkt, was er tut beziehungsweise unterlässt. Ich möchte den Jungen ansprechen, ihn fragen, was er seinem Vater zeigen wollte. Würde gern der Vater für ihn sein, der ihn sieht und würdigt. Doch ich gehe weiter, sprachlos und hilflos.
Neben den fehlenden Worten sind da noch die absichtlich verletzenden Worte. Einer wird von den anderen fertiggemacht, herabgesetzt und entwürdigt. Nicht nur auf dem Schulhof, doch auch dort: Hänseleien, die vielleicht nicht so gemeint, und doch das Leben des anderen belasten. In seelsorgerlichen Gesprächen höre ich das andauernd. Tiefe Wunden, geschlagen von Kumpels und Freunden, von Brüdern und Schwestern und Eltern. Und auch von Eheleuten.
Worte wie Schläge, Worte, die den anderen festlegen, ihn klein machen und entmenschlichen. Tief graben sie sich ein in Denken und Herz und hinterlassen ihre giftige Ladung. „Du bist nichts wert! Du bist unfähig! Du bist doof! Du bist zu dick! Du bist zu klein! Das verstehst du nicht! Du hast keine Ahnung! Du bist ein Versager! Hau ab, hier hast du nichts zu suchen!“ Tausendfach fliegen sie wie feurige Pfeile des Bösen.
Wieso machen wir das eigentlich? Wieso tun wir das einander an? Müssen wir uns wirklich selbst aufbauen, indem wir andere kaputt machen?
Die Macht der Worte ist immens. Nicht nur Gottes Worte haben Macht. Auch unsere Worte. Macht zum Aufbauen und Macht zum Zerstören. Und je verwundeter eine Seele ohnehin schon ist, umso stärker wirken verletzende Worte in ihr.
Die Macht unserer Worte beschreibt Jakobus, der Bruder von Jesus eindrücklich: „Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt! Auch die Zunge ist ein Feuer. Sie ist eine Welt voller Unrecht und beschmutzt den ganzen Menschen. Sie setzt unser Leben von der Geburt bis zum Tod in Brand mit einem Feuer, das aus der Hölle selbst kommt. Der Mensch hat es fertig gebracht, alle Tiere zu bändigen: Raubtiere, Vögel, Schlangen und Fische. Aber die Zunge hat noch niemand bändigen können, diesen ruhelosen Störenfried, voll von tödlichem Gift. Mit der Zunge loben wir Gott, unseren Herrn und Vater - und mit ihr verfluchen wir unsere Mitmenschen, die nach Gottes Bild geschaffen sind. Aus demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Brüder und Schwestern, das darf nicht sein!“ (Jakobus 3)
Ja, das darf nicht sein! Ich will das in meinem Leben nicht haben. Ich will nicht, dass durch meine Worte andere verletzt werden. Und doch erkenne ich, wo ich genau das getan habe. Wo ich mit meinen Worten andere fertig gemacht habe. Manchmal ungewollt und aus Versehen, manchmal aber auch mit voller Absicht. In allen Fällen tut es weh und wirkt zerstörerisch. Ich weiß: Ich kann meine Worte einsetzen wie Waffen. Gerade in der Ehe und überhaupt bei Menschen, die ich gut kenne, und doch eigentlich lieb habe.
Die Macht meiner Worte ist groß, das weiß ich. Deshalb bete ich: „Herr, lass meine Worte Heilung bringen. Lass mich Wahres sprechen und das, was aufbaut. Hilf mir, Gutes zu sagen. Ich will mit meinen Worten mithelfen, dass andere heil werden. Hilf mir, ein Segen zu sein. Für meine Frau. Für meine Familie und Freunde. Für meine Gemeinschaft und Gemeinde. Für meine Umgebung. Für diese Welt. Du, Jesus, hast Worte des ewigen Lebens. Und die will ich dir nachsprechen.“